Wie trägt Religion zum Weltfrieden bei?
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- Geschrieben von Amir Dr. h.c. Mohammed Herzog
Bismillah ar-Rahman ar-Rahim; Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen.
Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen und etwas zum Thema „Wie trägt Religion zum Weltfrieden bei" vortragen zu können. Ich möchte meinen Beitrag auf einer eher religiösen und nicht politischen Ebene halten. Denn ich bin der Meinung, dass der Weltfriede mehr auf der religiösen, und nicht so sehr auf der politischen EbeÂne verwirklicht werden kann. Genau dazu sind nämlich Religionen da.
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Bei seiner Ankunft in Israel im März 2000 sprach Papst Johannes Paul IL von den Wurzeln der Einheit inmitten dieser leidgeprüften Krisenregion: „Meine Reise ist eine Pilgerfahrt im Geist der Dankbarkeit und der Hoffnung, zu den Ursprüngen unserer Religion ... Ich hoffe, dass Juden, Christen und Muslime in ihrem Glauben und der Einsicht einer universellen Brüderlichkeit, die alle MitÂglieder der menschlichen Familie verbindet, Motivation und Ausdauer finden, im Dienst des Friedens zu arbeiÂten."
Als ich das vor etwa drei Jahren gelesen habe, waren meine Gedanken: Was wäre eigentlich, wenn alle Menschen an Gott glauben würden? Gäbe es dann nicht endlich Frieden auf Erden? Um diese Frage zu beantÂworten, braucht man sich nur die vergangenen und gegenwärtigen Konflikte in der jüdischen, christlichen, muslimischen und in der übrigen Welt anzusehen. Die Bestandsaufnahme ist sehr ernüchternd. Nicht nur, aber eben besonders in der jüdischen, christlichen und musliÂmischen Welt scheint eine friedliche Lösung ferner denn je. Nichts funktioniert so, wie es sollte.
In meiner Jugendarbeit höre ich immer wieder den Vorwurf, die Religionen wären schuld am Unfrieden in dieser Welt. Ich glaube, es ist sogar etwas Wahres darÂan. Aber wir leben heute in einer neuen Zeit, in der wir unsere eigene Lage überdenken und wenn nötig sogar umschalten können. Fragen wir uns noch einmal: Wenn alle Menschen an Gott glauben würden, gäbe es dann Frieden? Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass vieles, was sich als religiös ausgibt, mit dem wahren Glauben nichts gemein hat. Deswegen gibt es ja so viele AuseinanderÂsetzungen. Wir Gläubige verdienen diesen Titel nicht, ein religiöser Mensch zu sein, denn wenn alle Gläubige religiös im ursprünglichen Sinne wären, müsste die Welt anders aussehen. Wenn wir Berliner wirklich religiös wären, müsste Berlin ganz anders aussehen. Wenn wir uns tatsächlich an die Offenbarungsbücher, die Gott den Religionsgründern gegeben hat, halten würden, dann sähe es sicher besser mit dieser Welt aus. Wir bezeichÂnen uns als religiös, weil wir einmal getauft worden sind oder zur ein oder anderen Religion übergetreten sind. Aber viele Gläubige bekennen sich nicht zu den WerÂten, zu denen sich die Heiligen Schriften bekennen. Wir glauben nicht mehr an das, was in den Heiligen Schriften steht. Wir handeln nicht so, wie es uns die Überbringer dieser Schriften, also die Propheten, vorgelebt haben. Diese Propheten leben nicht mehr unter uns, aber wir haben ihre Heiligen Schriften. Ich sage immer, das ist die Gebrauchsanweisung. Die haben wir doch, wir brauchen sie nur aus dem Bücherregal herauszuholen. Aber wir halten uns nicht an die Heiligen Schriften. Wir handeln so und glauben so, wie wir es verstehen wollen.
Doch wie alle Menschen vor uns, leben wir in einer geteilten Gesellschaft - einer Gesellschaft, die sich um die Dinge Gottes wenig oder gar nicht kümmert. Es ist eine Gesellschaft der Voreingenommenheit und der VorÂurteile, eine Gesellschaft des „Erst ich und das Meine!" Wie leicht ist es auch für uns Gläubige, diese jetzt so dominanten Einstellungen und Ideen für uns zu beanÂspruchen. Aber können wir uns wirklich „gläubig" nenÂnen, wenn wir mehr Wert auf Besitz, Prestige und Macht legen als auf Demut und Dienst am Nächsten?
Zentraler Punkt im Glauben ist die Einheit Gottes. Ich kenne alle vier Heiligen Schriften. Überall steht es geÂschrieben: Gott ist die Einheit. Wo ist sie geblieben? Ein Wort an uns Muslime: Wir, die Muslime, lesen im Koran: „Am heutigen Tage habe ich für euch eure Religion vollÂkommen gemacht und euch meine Gnade voll erwiesen und für euch ISLAM zur Religion erwählt." (Sure 5;3) „Ihr seid das beste Volk, das zum Wohle der Menschheit entstand; ihr gebietet das Rechte und verwehrt Unrecht und glaubt an Gott." (Sure 3; 110) Diese zwei Verse steÂhen im Koran, beziehen sich aber nicht nur auf die MusÂlime, sondern haben für alle Menschen, die an die Einheit Gottes glauben, Gültigkeit.
Wahre Gläubige sind nicht unter denen, die VorurÂteile und Hassgefühle gegenüber ihren Mitmenschen hegen. Wahre Gläubige sind nicht diejenigen, die beÂtrügen oder ihren Nächsten übervorteilen. Sie sind nicht beeinflusst durch Voreingenommenheit, Vorurteile oder Groll gegenüber Menschen, die einer anderen Nation, Rasse, Institution, einem anderem Team oder auch einer anderen Religion angehören. Ein wahrer Gläubiger muss den Bereich der eigenen Persönlichkeit überschreiten. Wir Gläubige sind aufgefordert, uns an den Heiligen Schriften zu orientieren und danach auch zu leben. Das ist ein göttliches Gesetz. Wir haben uns daran zu orienÂtieren und auch danach zu leben.
Wir alle haben unsere kulturellen Eigenheiten, unseÂre Vorlieben und Standpunkte. Wenn wir gläubig sind, werden solche Unterschiede zur Quelle des Interesses, des Respekts und der Bereicherung, niemals aber zur Quelle des Spottes, der Vorurteile, des Hasses oder sogar der arroganten Verachtung gegenüber andersgläubigen Menschen. Wenn wir gläubig sein wollen, dann seien wir es also in erster Linie in unserer positiven Haltung anÂderen gegenüber! Wir sollten nicht gleich vorneweg fraÂgen: Welches Parteibuch hast du, oder welcher Religion gehörst du an? Das spielt alles keine Rolle. Nur so könÂnen wir zum Frieden in dieser Welt beitragen. Denken Sie bitte daran - nur wir können es tun, die Gläubigen dieser Welt. Wir müssen jetzt damit anfangen, wir, die wir hier zusammengekommen sind, nicht die Menschen, die draußen auf der Straße laufen, sondern wir müssen anfangen und müssen der Welt zeigen, das es etwas anÂderes gibt als Krieg, Hass und Auseinandersetzung. Von den Politikern können wir es nicht erwarten. Sie werden nie von selbst auf diese Idee kommen. Wir, die gläubigen Menschen, müssen sie ständig dazu ermahnen.
Es gibt einen Begriff im Islam, der oft gebraucht wird, aber in der Regel falsch übersetzt ist. Sie alle kenne das Wort: Heiliger Krieg. Ich sage immer zu denen, die mit diesem Begriff Heiliger Krieg kommen, das kennen wir gar nicht. Das kennen nur die Christen. Dann sage ich manchmal, bleibt mir mit eurem Heiligen Krieg vom Leibe. Wir haben keinen Heiligen Krieg, sondern wir haben Jihad. Und Jihad hat eine ganz andere Bedeutung. Ein Teil von Jihad hat die Bedeutung: sich anstrengen, sich bemühen und zeigen, wie religiös du bist. Das ist Jihad. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das mit Waffengewalt machen kann oder dass ich dazu andere Menschen umbringen muss. Der zweite Teil beinhaltet etwas, was wir heute in der islamischen Welt vielerÂorts beobachten können: Wenn ich sehe, dass meine Regierung in meinem Land, in dem ich lebe, gegen die Prinzipien der Religion verstößt, soll ich hingehen und dagegen protestieren. Und in fast allen muslimischen Ländern der Welt sind die Gefängnisse voll, nicht von Mördern und Verbrechern, sondern von gewissenhaften Muslimen, die gläubig sind und den Mut aufbringen, zu den Mächtigen zu sagen: Ihr verhaltet euch nicht nach den Heiligen Schriften. Normalerweise kommen sie erst gar nicht bis zum obersten Machthaber, sondern werden schon auf dem Weg dorthin ins Gefängnis gesteckt. Und es gibt noch eine dritte Bedeutung des Wortes Jihad: Wenn eine fremde Macht kommt und meine Religion änÂdern oder zerstören will, dann darf ich mit Waffengewalt dagegen vorgehen. Aber auch erst dann. In keinem musÂlimischen Land der Welt ist dieser dritte Fall gegeben.
Aber trotzdem gibt es überall blutige AuseinandersetÂzungen. Deswegen, wie gesagt, denken Sie bitte daran, dass wir Frieden schaffen können, wenn wir gläubig sind im Sinne der Heiligen Schriften und den Frieden dieser Offenbarungen weitergeben. Ich möchte schließen mit den Worten Schalom, Salam und Frieden, die ja alle das gleiche bedeuten. Möge Gott uns die Kraft geben, dass wir den Frieden auch verwirklichen können als wirkliÂche Gläubige in dieser Welt.
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Aus dem Buch:
„Eine friedliche Welt errichten - erstrebenswertes Ziel oder hoffnungslose Utopie?“
Kando Verlag 2003, 73 Seiten, Taschenbuch, ISBN 3-922947-16-6
www.kando-verlag.de
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