Alle Religionen streben nach dem Frieden
- Details
- Geschrieben von Amir Dr. h.c. Mohammed Herzog
Bismillah ar-Rahman ar-Rahim; Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen.
As-Salam Aleikum, ich grüße Sie recht herzlich. Unser Thema ist: neue Chancen für den Nahen Osten, neue Chancen für den Frieden. Wenn ich jetzt in diesen Raum sehe, könnte ich sagen: Die Chancen sind groß. Ich könnÂte aber auch sagen: Die Chancen sind klein. Wenn man die Presse in den letzten Tagen verfolgt hat, und heute ist ja auch ein besonderer Tag, denn unser Außenminister trifft sich gerade in Palästina mit führenden Politikern, darf man Hoffnung haben.
Tatsächlich stellt sich die Frage: Warum müssen wir uns ausgerechnet im Nahen Osten so sehr um den FrieÂden bemühen? Weil es dort am nötigsten ist! Schauen wir unsere Religionen an. Warum haben die Propheten alle dort das Licht der Welt erblickt? Weil die Völker dort schon immer in Zwietracht und Konflikt gelebt haÂben. Das sage nicht ich, sondern das sagt unser Heiliger Koran. Deswegen sind die Propheten dorthin berufen worden.
Warum gibt es hier in Deutschland keine Propheten? Wir hätten sie wahrscheinlich nötig. Wir können mit den Politikern so viel diskutieren, wie wir wollen. Es bringt nichts, weil sie nicht das tun, wofür sie gewählt worden sind. Also müssen wir es tun, die noch an Gott glauben, die eine Religion haben. Jetzt werden einige sagen, na ja, das sind die Juden, die Christen und die Muslime, was aber ist mit Buddhismus, Hinduismus und anderen fernÂöstlichen Religionen? Ich sage Ihnen, sie gehören auch dazu! Und auch alle anderen Religionen sind wertvoll. Nur sie können es gemeinsam schaffen, den Frieden in diese Welt zu bringen. Und dieser Friede kann nur von den Heiligen Schriften kommen. Wenn unter den ReliÂgionen Frieden ist, dann ist in der Welt Frieden. Sonst klappt es nicht.
Herausforderung für die Muslime
In den letzten Tagen haben wir ja sehr viel über den Islam gehört, wie schrecklich diese Religion doch sei. Erst gestern gab es hier in Berlin den Versuch, auf den neuen Präsidenten von Irak ein Attentat zu verüben. Das Schlimme daran ist immer, dass es Muslime sind, die so etwas planen und durchführen wollen. Aber noch schlimmer ist, dass deswegen immer gleich der Islam als Religion angegriffen wird. Ich muss Ihnen sagen, ich bin seit 27 Jahren Moslem. Jeden Tag muss ich meine ReliÂgion verteidigen. Als ich noch ein Christ war, habe ich ruhiger gelebt. Meine Schwester, mit der ich vor ein paar Tagen gesprochen habe und die keine Muslima ist, pflegt immer zu sagen: Wärst du mal Christ geblieben, dann hättest du ruhiger in diesen Breiten leben können.
Aber wir müssen zu unserer Überzeugung stehen. Und ich rufe hier von diesem Platz aus, was ich auch morgen am Brandenburger Tor tun werde: Wir Muslime müssen nach draußen gehen und der Öffentlichkeit zeiÂgen, dass nicht das der Islam ist, was wir täglich in der Presse sehen und hören, sondern Islam heißt: Frieden machen. Wir haben genau die gleiche Aufgabe wie Juden und Christen auch. Wir haben es nur alle vergessen.
Aber heute möchte ich meine muslimischen Brüder daran erinnern: Islam heißt Friede, Frieden machen. Dies ist unser Auftrag. Der Heilige Koran fordert uns dazu auf. Wie ich schon sagte, die Politiker werden es nicht schaffen. Wir gläubige Menschen müssen es tun und wir dürfen keine Angst haben, sondern wir müssen in aller Öffentlichkeit dafür einstehen. Es nützt nichts, wenn wir in unseren eigenen Reihen, in unseren eigenen GemeinÂden, nur darüber sprechen. Unsere FriedensbemühunÂgen dürfen aber auch nicht von politischen Zwecken missbraucht werden. Sonst geschieht das, was wir jetzt überall beobachten können, nämlich Gewalttaten unter dem Deckmantel der Religion.
Die wahre Bedeutung von Dschihad
Es gibt aber viele, die mir sagen, was erzählst du denn da immer über Frieden? Ihr Muslime habt doch diesen Heiligen Krieg, das steht doch bei euch im Koran. Ich weiß immer nicht, was für einen Koran die lesen. In meiÂnem Koran steht nichts vom Heiligen Krieg. Manchmal bin ich so frech und sage: Werdet ihr Christen damit ferÂtig, ihr redet doch ständig vom Heiligen Krieg, nicht ich, seit ich Muslim geworden bin. Es gibt im Islam etwas, das Dschihad heißt, aber eine ganz andere Bedeutung hat als das, was sich Christen unter Heiligem Krieg vorÂstellen. Dschihad hat die Bedeutung, frei zu bekennen, dass ich ein gläubiger Mensch bin, und mutig zu ermahnen, wenn ich sehe, dass Unrecht geschieht, nicht nur den Muslimen gegenüber, sondern egal, wer darunter zu leiden hat. Das dürfen wir Muslime in der ganzen Welt nicht vergessen. Wir sollten niemals nur für uns selbst kämpfen, sondern für alle Menschen. Alle Menschen sind von Gott geschaffen.
Dschihad hat aber auch die Bedeutung, dass ich dageÂgen protestieren muss, wenn ich sehe, wie meine RegieÂrung und meine Politiker sich gegen die Religion stellen. Und das tun wir hier. Wenn ich die Bilder sehe in dem kurzen Film über Israel, der gerade gezeigt wurde, dann kommen mir die Tränen. Was ich dort erlebt habe mit Menschen wie du und ich, kann durch kein Buch, keine Universität vermittelt werden. Ich weiß noch genau, wie ich dort gefühlt habe, als ich die Schulklassen besuchte, wie die Kinder zu uns gekommen sind, wie wir helfen konnten. Oder wie es in jenen Momenten war, wo wir uns in der Öffentlichkeit gezeigt und uns für den Frieden eingesetzt haben. Ich habe keinen Hass gesehen. Wenn mich jemand fragen würde, wie sieht da die Feuerwehr aus in Jerusalem, kann ich ihm nur antworten, das weiß ich nicht, weil ich keine Feuerwehr gesehen habe. Mich fragen ja viele Muslime: War es dort nicht gefährlich? Das ganze Militär? Ich muss Ihnen sagen, in den TaÂgen, als ich dort war, habe ich gar kein Militär gesehen. Manche Einrichtungen waren von Militär bewacht, das ist schon wahr. Aber dass die Straßen immer voll von Militär wären, habe ich überhaupt nicht gesehen. VielÂleicht war ich immer in der falschen Gegend, könnte ja sein. Es gibt bereits ein Zusammenleben in Jerusalem zwischen Muslimen, Christen und Juden. Ich habe mit ihnen gesprochen und ich habe nie etwas Böses bemerkt, oder dass sie schlecht über den anderen geredet hätten. Sie haben sich alle einfach darüber gefreut, dass wir mit ihnen zusammen waren.
Auch im Islam gibt es Auseinandersetzungen
Erst vor einigen Tagen feierten wir Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan. Wir hatten Gäste, junge Leute, jüdische, christliche, muslimische, die hierher gekommen sind und 14 Tage in Berlin verbracht haben. Sie waren bei uns und wir saßen in Freude und Eintracht zusammen. Es gab keine Klagen über den anderen. Sie waren alle verletzt, haben alle Schreckliches erlebt in der Familie, haben alle einen Bruder, eine Schwester, den Vater oder einen Freund verloren.
Wir haben dort einen jungen Palästinenser beherÂbergt, den Sie vielleicht alle kennen, weil über ihn vor vielen Jahren auch im Fernsehen berichtet wurde. Er war ursprünglich an den Rollstuhl gefesselt, aber wir haben miterlebt, dass er wieder laufen konnte. Er war jetzt das zweite Mal hier in Berlin. Wir organisieren solche Treffen zusammen mit einer evangelischen Kirche. Es gibt ein Abkommen, dass wir uns gegenseitig besuchen.
Es gibt aber auch einen Glaubenskampf innerhalb des Islam. Diese Auseinandersetzung kann jedoch nicht so geführt werden, dass die einen darauf bestehen: „So steht es geschrieben und nur so darf es interpretiert werÂden." Es gibt im Koran dazu eine klare Aussage: kein Zwang im Glauben. Das heißt, jeder soll so leben, wie er es für richtig hält, und keiner hat ihm Vorschriften zu machen, wie er zu leben hat und was er tun soll. Alles, was der Mensch, der gläubige Muslim tut, ist immer eine Sache zwischen ihm und Gott. Ich bin ganz froh, ehrlich gesagt, dass wir im Islam die kirchliche Hierarchie des Christentums nicht kennen. Dann wäre bei uns vielleicht alles noch mehr konfus und durcheinander. Aber es gibt eine Unterdrückung innerhalb der Religionen, und die muss beendet werden. Wir müssen wieder zusammenÂfinden.
In unseren Heiligen Schriften steht das so geschrieben. Wenn etwas nicht funktioniert, dann nimmt man die GeÂbrauchsanweisung und liest nach. Unsere GebrauchsanÂweisung sind die Heiligen Schriften. Aber wir lesen nicht darin und ziehen es stattdessen vor zu jammern. Und dann müssen wir hören: Der Islam ist schuld! Nicht der Islam ist schuld, sondern der Muslim, der die Missetat begeht. Und das gilt selbstverständlich für jede Religion. Wir müssen damit aufhören, Verfehlungen einzelner Gläubiger der Religion zuzuschreiben.
Ich sage immer: Der Islam war für mich die toleranÂteste Religion von allen, und sie ist es auch heute noch. Aber heute kann ich auch sagen: Die christliche Religion ist tolerant, nur der einzelne Christ nicht. Bei den Juden ist es auch nicht anders, das ist nun mal so. Aber wir solÂlen auf Gott schauen und Gott wird uns helfen. Und ich glaube, dass diese Friedensbewegung, die sich dort im Nahen Osten einbringt, weitergehen muss. Sie werden es selbst erleben, wie wunderbar die Pilgerfahrten sind, wenn Sie erst selbst einmal mitgemacht haben. Ich sage Ihnen, Sie kommen als ein neuer Mensch zurück. Ich war zweimal im Heiligen Land, und ich muss Ihnen sagen, ich habe mich sehr geändert und habe ein ganz anderes Bild bekommen durch das, was ich da gesehen und mit den Menschen dort erlebt habe. Bilder und Erzählungen sind ja gut und schön, aber dabei sein und selbst zu erleben ist viel schöner. Ich möchte Ihnen raten, wenn Sie die Möglichkeit haben und ein Einladungsschreiben beÂkommen, dann melden Sie sich an und unternehmen Sie diese Reise. Es ist eine großartige Erfahrung.
Die inneren Werte des Islam
Friede und Gerechtigkeit sind die inneren Werte des Islam. Wir müssen uns daran erinnern, sonst funktioniert der Frieden nicht. Der Koran lehrt, dass es keine FeindÂschaft gibt außer der Ungerechtigkeit. Wir sollen auf Gott vertrauen, dann werden wir Frieden und GerechÂtigkeit finden. Der Koran zwingt den Menschen nicht, wie immer und gerade in jüngster Zeit behauptet wird, dass alle den Islam annehmen sollen. Diese Behauptung ist falsch. Im Judentum wird nicht missioniert, und bei uns wird niemand zwangsbekehrt. Gott hat es gar nicht nötig zu missionieren, um den einen oder anderen dieÂser oder jener Religion zuzuführen. Wir brauchen Gott. Wenn im Koran zum Kampf aufgerufen wird, dann heißt das: Kämpfen für die Sache des Glaubens. Das bedeutet nicht, mit Gewalt zu missionieren oder andere Menschen zu zwingen, diesen oder jenen Glauben anzunehmen. Der Koran verlangt von uns Muslimen, dass wir GerechÂtigkeit üben. Ja, im Koran ist sogar ausdrücklich die Rede von einem Schutz vor Glaubenszwang, Schutz vor UnterÂdrückung und Einsatz für Freiheit und Menschenrechte. All das steht in der 1400 Jahre alten Heiligen Schrift.
Aber was haben wir daraus gemacht? Anstatt dem Verbot jeglicher Art von Waffengewalt zu folgen, führen wir weiter Krieg. Ein Referent hat hier zu Anfang ganz richtig gesagt, es dürfte eigentlich keine Fabriken für Waffen und Folterwerkzeuge mehr geben. Angreifen und aggressives Verhalten sind im Koran verboten. ErÂlaubt ist lediglich die Notwehr, wenn ich bedroht oder unterdrückt werde. Die Religion tritt für Frieden auf allen Ebenen ein. Ich wünsche, dass wir uns alle daran halten. In diesem Sinne, Schalom, Salam, Frieden.
Aus dem Buch:
„Neue Chance für Nahost-
Ansätze einer modernen Friedenserziehung“
Kando Verlag 2005, 148 Seiten, Taschenbuch, ISBN 3-922947-29-8
www.kando-verlag.de




