Der Weg zum Frieden beginnt bei jedem selbst
- Details
- Geschrieben von Amir Dr. h.c. Mohammed Herzog
Bismillah ar-Rahman ar-Rahim; Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen.
Im Namen des gnädigen und barmherzigen Gottes. Mein Vortrag soll einen etwas anderen Blickwinkel auf das Thema werfen, als dies bei meinem Vorredner der Fall war. Es ist sicher interessant und bedeutsam, was vor vielen Hunderten von Jahren einmal geschah. Ich lebe aber heute und ich frage mich, was wir heute tun können in dieser Welt? Dazu ein Wort aus dem Koran: Unser Herr, gib uns von Deiner Seit' Erbarmung. GewähÂre uns in unserem Rate Richtigkeit, damit wir den Weg sehen. (Koran 18:10)
Wichtig ist nicht, was der ein oder andere Politiker sagt, sondern was in unseren Heiligen Schriften steht. Das ist nämlich sozusagen die Gebrauchsanweisung für unser Leben. Oft denken wir gar nicht daran. Dabei haÂben wir doch alle unsere Heiligen Schriften, in denen wir lesen und nachschlagen können.
Das Thema über die „Wege zum Frieden ohne GeÂwalt" habe ich in drei Teile aufgeteilt. Und diese drei Teile behandeln nicht die Vergangenheit, sondern das, was erst vor kurzem in dieser Welt passiert ist. Wir, der interreligiöse Gesprächskreis Berlin, sind Männer und Frauen aus den Glaubensfamilien von Christen, MusÂlimen, Hindus, Buddhisten und anderen Religionen. Unsere Arbeitsgruppe versammelt sich einmal im MoÂnat sonntags vor dem Berliner Dom. Dort beten wir und sprechen über das, was unser Herz bewegt.
Schweigen und Sprechen im Gebet, können wir das noch? Beide können vordringen bis in das Innerste und sehr viel zur Wahrheitsfindung beitragen. Beide sind Teil des Gebets.
Wir wissen aber auch: Oft verkommt das Sprechen zum bloßen Gerede und häufig wird das, was ein schreiÂendes Unrecht ist, nur verschwiegen. Das Gerede und das Verschweigen sind dienstbare Geister der Gewalt.
Denn was besagt das Gerede von der „kranken Wirtschaft", wenn dabei die Krankheit des Raffens und Plünderns verschwiegen wird? Dürfen wir das Unrecht verschweigen, wenn immer noch höhere Mauern und Zäune gebaut werden, wenn noch mehr für Waffen und Zerstörungsmittel ausgegeben wird, nur weil dieÂse angeblich den Terrorismus bekämpfen? Wenn nur immer wieder die Opfer des Terrors genannt und die vorausgegangenen und andauernden vielfachen Opfer der eigenen Gewalttaten verschwiegen werden? Wer die Chancen zur Versöhnung in Konflikt- und KriegsgebieÂten oder zur ökologischen Bewohnbarkeit dieser Erde nicht wahrnimmt, trägt dazu bei, die Maschinerien des Tötens und der Zerstörung in Gang zu halten.
Gibt es einen Weg ins Freie? Rettung beginnt da, wo Menschen erwachen und die Spur des Vertrauens entdeÂcken. Dieses Vertrauen finden wir in allen verschiedenen Religionen, denen wir angehören. Die unterschiedlichen Namen und Geschichten, in denen uns diese Tradition übermittelt wurde, brauchen uns nicht zu irritieren. Dieses Vertrauen können auch diejenigen finden, die auf der Suche nach dem Heiligen sind und sich keiner Religion zugehörig fühlen. Wenn wir gemeinsam beten, betend schweigen und sprechen, kann das erwachende Vertrauen Heilung bringen. Manchmal erfahren wir daÂrin das Heilige, das uns alle verbindet. Dann können wir die Zwänge spüren, die uns gefesselt halten, finden Mut, die eigene Beschränktheit zu verlassen, den Schmerz und die Heilung anzunehmen. Diese Berührungen weisen uns den Weg zu Quellen, die uns eine neue Wirklichkeit erfahren lassen.
Wie schwer ist es oft, Gewaltlosigkeit durchzuhalten! Selbst in politischen Gruppierungen und Kreisen, die einst radikal für Gewaltlosigkeit eintraten, wird laut die Frage gestellt: Wo trittst Du den Gewalttätern entgegen? Was machst Du mit Deiner Gewaltlosigkeit gegen die Völkermörder in Burundi und Ruanda, im Kongo, im Kosovo und in anderen Teilen der Welt? Was tust Du gegen Verhältnisse, die Leben ersticken?
Es gibt in allen Religionen eine problematische TraÂdition des Sich-Fügens, um sich und andere - mit der Haltung des Bedauerns - im Opfer-Sein einzurichten. In unserem interreligiösen Gesprächskreis Berlin haben wir unter anderen auch zwei Traditionen angesprochen: Die falsche Demut der christlichen Opfer-Mentalität „Nimm das Leiden still und willig aus Gottes Hand an", so als wären die stumm Leidenden Jesu und Gott näher als diejenigen, die sich wehren und Widerstand leisten. Und im Hinduismus gibt es die Hinnahme des Opfer-Seins als Walten des Karma, so als erschöpfte sich die Weisheit der Religion in der Hinnahme der eigenen Ohnmacht, des eigenen Leidens, womit zugleich auch die eigene Tatenlosigkeit gerechtfertigt wäre.
Noch ein Unterschied war uns wichtig: Es ist leicht, als Nicht-Betroffener zu den Opfern zu gehen und zu sagen: „Richtet Euch auf! Wehrt Euch! Macht den Mund auf, kämpft!" Den Opfern von oben entgegenzutreten, sie zu belehren und Druck zu machen, ist entwürdigend. Zu schnell entlarvt sich solcher Rat von oben im UmÂkehrschluss: „Ihr seid selbst schuld, wenn ihr euch nicht wehrt. Ihr seid selbst schuld, dass ihr Opfer seid. Euch ist nicht zu helfen." Das kann verhindert werden, wenn wir mit den Opfern Solidarität üben und mit ihnen das Leben teilen. Noch wichtiger für unseren Gebetskreis schien die Frage zu sein: Wo sehen bzw. übersehen wir, dass Opfer sich aufrichten? Wo waren wir zu unaufmerksam, als Opfer zu Täter wurden? Wo sehen oder übersehen wir das Sich-Aufrichten von Menschen? Von Menschen, die erniedrigt wurden unter politischer Gewalt, ausgeÂgrenzt sind durch Armut, gedrückt sind von der Last ihrer Depressionen? Von Menschen, die vielleicht nicht mehr die Kraft haben, täglich aufzustehen, aber es dann doch wenigstens einmal schaffen? Wo wird dieses Sich-Aufrichten gewürdigt, gehört, aufgegriffen als Kraft, die auch uns mit neuem Leben erfüllt?
Das Thema unseres Gespräches war auch: nackt sein. Ausgelöst wurde das Stichwort durch die VeröffentliÂchung der Folterbilder aus dem Irak. Nacktheit als EntÂwürdigung, entwürdigendes Nacktsein. Es ging um ein Nacktsein, das auf die äußerste Bloßstellung des UnterleÂgenen, des unten Liegenden zielt. Sogar das Anschauen dieser Fotos - so notwendig es wohl war, sie zu veröffentlichen - macht uns zum Mitschauenden und zieht den Schauenden hinein in die Spirale der Bloßstellung. i' Die Bilder dieser entwürdigenden Nacktheit sind nicht erledigt mit der Aburteilung einzelner Folterer. Was hier sichtbar wird, ist ein Teil des Krieges, ein Teil, der in Kauf genommen, geplant, angeordnet, gebilligt und nur unter dem Druck der Öffentlichkeit zögernd als „inhuman" zugegeben wird. Es ist ein ritueller Teil der Tötung, wie einst im römischen Reich die Gekreuzigten vorher nackt ausgezogen wurden.
Die gezielte Demütigung von Menschen gibt es nicht nur in den fernen Gefängnissen dieser Welt. Auch bei uns gibt es Wärter, die Freude und Lust am AusgelieÂfertsein, an der Unterlegenheit des anderen empfinden. Und es gibt diese entwürdigende Bloßstellung, dieses Ausziehen der Bedeckung und die Lust daran in ihren Vor- und Nebenformen: Lust, mit der Erwachsene sich an Kinder vergreifen, weil Machtausübung, Demütigung und Unterdrückung Lustgewinn bringen. Es gibt die sich wissenschaftlich maskierende Lust, mit scheinobjektiven Diskursen über die Intimitäten und intimen Erfahrungen von Menschen zu sprechen und sie so zu Objekten zu machen. Es ist die Lust an der eigenen Überlegenheit.
Wie viele Barrieren müssen gefallen sein, dass man entwürdigende Nacktheit in Kauf nimmt - nicht mehr sieht und nicht mehr spürt, wie schrecklich das alles ist? Wo ist die Grenze zwischen dem Zeigen der nackten Folterbilder beim grölenden Kameradschaftstreffen und dem Zeigen von entwürdigen Szenen der Nacktheit und des Ausgeliefertseins im Fernsehen und in allen anderen Medien?
Wir haben die Möglichkeit, auf all das als Friedensbotschafter zu reagieren, Unrecht aufzuzeigen, zu mahnen, zu sprechen und zu beten.
Nur so können wir auf dem Weg zum Frieden ein Stück vorwärts kommen.
Aus dem Buch: „Wege zum Frieden ohne Gewalt - Kommentare aus religiöser Sicht und Beispiele aus der Praxis“
Kando Verlag 2004, 115 Seiten, Taschenbuch, ISBN 3-922947-24-7 www.kando-verlag.de




