Drei Mauern in meinem Leben

Bismillah ar-Rahman ar-Rahim; Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen.

Shalom, Salam, Peace, der Friede sei mit euch – mit euch heute morgen und den ganzen Tag. Wir haben ja gestern viel über die Mauer gehört. Vor einer Woche hatte ich schon einmal so ein Treffen. Das war in Berlin und da ging es auch um die Mauer. Aber es waren nicht Erwachsene, sondern 500 Jugendliche aus Frankreich dabei. Da haben wir drei Tage lang über den Fall der Mauer gesprochen. Ich habe den Schülern von drei Mauern erzählt, an die ich mich noch sehr gut erinnere.
Einmal ist natürlich die Rede von der Mauer in Berlin. Ich musste Berlin verlassen, nicht wegen der Mauer, sondern weil es für mich keine Arbeit gab, nachdem ich mit der Schule fertig war. Ich musste nach Westdeutschland und dort meine Lehre anfangen. Dann kam die Mauer – mein ganzes Leben war eigentlich verpfuscht. Denn ich hätte meinen Beruf in Westdeutschland, in Duisburg, ausüben können, aber da wäre ich allein und einsam gewesen. Denn mein eigentlicher Lebensmittelpunkt – und der Grund dafür, warum ich diese Lehre gemacht hatte – war in Brandenburg. Dort hatte meine Familie ein großes Gut. Aber das war, als die Mauer kam, für uns verloren. Es ist einfach in andere Besitze aufgegangen und wir haben es nie wieder erhalten. Diese Erinnerung habe ich. Ich habe auch die Erinnerung, wie die Mauer auf einmal offen war. Es waren so viele Menschen, die in Berlin zum Nollendorfplatz gingen, und da habe ich all diese Stände gesehen mit diesen gelben Bananen. Da dachte ich mir: Na das ist ja wie im Zoo – jetzt werden die Bananen verteilt!

Die zweite Mauer, die ich erlebte, war viel schlimmer. Wie ich das allererste Mal in Jerusalem war. da dachte ich im Stillen, wie ich dort die Mauer sah: Die Mauer, die wir in Deutschland hatten, war ja von der Höhe her nur ein Klacks im Vergleich zu dieser Mauer. Bei uns sind ja immer noch ein paar Leute rübergekommen, auch wenn einige erschossen wurden. Aber sie hatten es fast geschafft. Jedoch die Mauer in Jerusalem – na, da klettere mal hoch, das ist ja beinahe unmöglich. Als wir mit unserer Gruppe dort waren, kletterte doch tatsächlich ein Jugendlicher hoch, nur zur Schau, um uns zu zeigen, dass man auch diese Mauer überwinden kann. Zwei merkwürdige Beispiele.

Die dritte Mauer ist noch viel schlimmer als die, die wir hier hatten oder die es dort in Jerusalem immer noch gibt. Es ist die Mauer zwischen uns Menschen, die viel schwieriger zu überwinden ist. Darüber machen wir uns auch nicht viele Gedanken. Wir vergessen, dass Gott immer im Mittelpunkt stehen müsste, damit auch die höchste Mauer fallen kann.

Wir organisieren viel interreligiösen Dialog. Ich will mich ja nicht brüsten, aber ich bin in Deutschland einer der ersten Stunde, der den interreligiösen Dialog geführt hat und immer noch führt. Wie schwierig das teilweise ist! Ich habe daraus eines gelernt: Dialog ist ja schön und gut, aber wir hören noch nicht mal richtig den anderen zu, wenn sie uns was sagen wollen. Wir wissen immer gleich alles besser. Wir haben die Tendenz zu behaupten, dass das, was ich denke, immer genau das Richtige ist. Lasst doch den anderen ausreden! Stellt Gott in den Mittelpunkt und Gott wird alles regeln. Und Gott wird sagen, ob er an diesem oder jenem Gefallen hat.

Im Koran gibt es eine Stelle, da heißt es: „Gott ist dir näher als deine Halsschlagader.“ Ich erschrecke immer, wenn ich dieses lese oder spreche. Da denke ich immer: Der ist ja mittendrin. Kann denn das sein? Besonders, wenn man krank ist, mag man denken: Warum macht Er mich denn so krank? Da fängt der Zweifel dann an. Das ist auch eine Mauer, aber nicht zwischen den Menschen, sondern zwischen Gott und Mensch. Da bauen wir Menschen auch eine Mauer auf, weil wir immer sagen: Warum und weshalb ist denn dieses passiert?

Die erste Mauer hatte eigentlich nichts mit Religion zu tun, sondern war rein politisch. Die zweite Mauer zwischen Israel und Palästina ist auch eine politische Mauer. Aber unsere innere, dritte Mauer ist keine politische Mauer, sondern eine religiöse Mauer, die wir um uns herum aufbauen.

Was ist denn Dialog? Dialog heißt ja nicht, dem anderen zu sagen: Was ich glaube, musst du jetzt auch glauben. Sondern Dialog heißt, sich zu verständigen, miteinander zu reden und über die andere Religion etwas zu lernen. Es gibt viele Traditionen im Judentum, Christentum und Islam, und ich will mal nur vom Judentum, Christentum und Islam sprechen, die sich sehr ähnlich sind. Es gibt viele Stellen in den Heiligen Büchern, die beinahe identisch sind. Ja man könnte fast behaupten: Wer den Koran in der Hand hält, hält auch die Bibel in der Hand. Viele Geschichten sind im Koran, im Alten und im Neuen Testament ganz ähnlich.

Es gibt aber auch Grenzen, wo dann die Religion sagen müsste: Stopp, hier geht es nicht weiter. Noch weiter kann ich nicht gehen. Damit kann ich einfach nicht einverstanden sein! Das heißt aber nicht, dass man mit diesen Leuten nicht doch gut zusammenarbeiten kann. Das ist meine Erfahrung in all den Jahren meiner 30-jährigen Laufbahn ­ ich bin jetzt auch schon seit 30 Jahren Moslem. Aber ich war vorher schon so ein „Verrückter“, der sich für den interreligiösen Dialog stark gemacht hat.

Die Jugendlichen, die ich eingangs erwähnte, waren zum größten Teil katholisch. Ich erzählte ihnen etwas über den großen Straßenprediger Pater Leppich, den sie überhaupt nicht kannten. Das war damals eine großartige Sache. Er fuhr mit dem VW-Bus von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof, stellte sich dann oben auf seinen VW-Bus und redete über Gott. Das fand ich so toll. Mit ihm habe ich viele Jahre zusammengearbeitet, obwohl ich selbst gar nicht katholisch war, sondern evangelisch, aber das machte nichts. Diese Unterschiede treten in den Hintergrund, wenn es um die eine große Sache geht.

Ich werde auch heute noch oft angegriffen, warum ich denn bei so komischen Gruppen wie der UPF-Deutschland mitmache. Es ist doch so eine kleine Gruppe, und ach, die haben da auch diesen Vater Moon als Gründer. Auch in meiner Gemeinde gibt es Diskussionen darüber. Es gibt Einzelheiten, womit ich nicht einverstanden bin. Aber für unser gemeinsames Anliegen, da würde ich kämpfen, da würde ich umfallen, da würde ich sterben dafür. Und dies sollte uns eigentlich zusammenhalten. Das ist es, was die Mauer zwischen den Menschen einstürzen lässt.

Ich werde oft gefragt: Was bist du eigentlich für ein Moslem? Ich weiß ja, was sie wissen wollen. Sie wollen wissen, ob ich ein Schiit oder ein Sunnit bin. Und wenn du ihnen eine Antwort gibst, dann geht es weiter. Sie wollen wissen: Welche Richtung ist denn deine Schule? Wir Sunniten haben vier Rechtsschulen. Dann geht es immer weiter und ganz zum Schluss kommt dann die Frage: Und wer ist dein Meister? Mein Meister ist Gott und kein anderer. Er ist der, den ich brauche. All das andere brauche ich nicht. Und ich mache bei der UPF mit, weil es um Frieden geht, um Gerechtigkeit auf dieser Welt.

Letzten Sonntag waren wir über 80 Leute auf einer Veranstaltung. Es war am Gendarmenmarkt, wo wir mit jungen Leuten eine Stunde lang über den Frieden sprechen konnten. Das war mal etwas anderes, denn sonst sind wir immer nur 20 bis 25 Leute. Wir mussten Lautsprecher benutzen, um uns zu verständigen. Da steht man dann mitten drin und vergisst für einen Moment seine eigene Religion. Da fällt auch diese Mauer. Jeder kann mitmachen.

Für uns habe ich noch ein Gebet mitgebracht, das uns begleiten soll. Es ist nicht von einem Moslem geschrieben worden, sondern von einem Mann, der sehr stark den interreligiösen Dialog gesucht hat. Ich würde fast sagen, er ist der Vater des interreligiösen Gesprächs. Vor einigen Tagen war sein Todestag. Kein Moslem. Er war ein Christ und ihr kennt ihn alle: Franz von Assisi. Das war ein Kämpfer und solche Kämpfer finden wir in allen Heiligen Schriften. Und es ist doch schön, dass wir auch in der heutigen Zeit solche Kämpfer haben. Von ihm stammt folgendes Gebet:


„Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.


Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich Liebe übe, wo man sich hasst;
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt;
dass ich verbinde, da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung regiert;
dass ich ein Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass du mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich andere tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich andere verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich andere liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“


Ich wünsche euch Gottes Segen für den ganzen Tag und für die ganzen Tage, die wir noch hier sind.



Aus dem Buch:

„20 Jahre nach dem Fall der Mauer

Die Wiedervereinigung Deutschlands – eine Bestandsaufnahme“

Kando-Verlag 2010, 168 Seiten, Taschenbuch, ISBN 3-922947-41-7

www.kando-verlag.de