Interreligiöser Dialog beginnt mit Zuhören
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- Geschrieben von Amir Dr. h.c. Mohammed Herzog
Bismillah ar-Rahman ar-Rahim; Im Namen Gottes des Gnädigen, des Barmherzigen.
Schalom! Salam! Frieden! Der Segen Gottes sei mit Euch! Ich möchte Euch herzlich hier in der Hauptstadt begrüßen, auch wenn wir hier auf Grund der Streiks verkehrstechnisch seit 14 Tagen in einem Chaos leben. Es wird wahrscheinlich noch eine Woche dauern, aber darunter habt Ihr nicht zu leiden, sondern wir Berliner, die wir gezwungen sind, den ein oder anderen Weg dann eben zu Fuß zurück zu legen.
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Mein ganz besonderer Gruß gilt heute zwei ganz besonderen Personen, die sehr an meinem Herzen liegen. Das sind unsere lieben Freunde, Bruder Eliezer Glaubach aus Israel und seine geschätzte Ehefrau. Herzlich willkommen!
Als sie gestern in Berlin ankamen, war das erste, was sie beim Abholen gesagt haben, dass sie zuerst Mohammed Herzog besuchen wollten. Nochmals herzlichen Dank.
Interreligiöser Dialog bedeutet zuerst zuhören
Was ist der Weg zu einer friedlichen Gesellschaft? Ich als Muslim sehe darin in erster Linie den Interreligiösen Dialog. Aber der Interreligiöse Dialog setzt etwas voraus, damit wirklicher Dialog stattfinden kann. Dialog setzt Zeugnis voraus. Dialog setzt auch Gleichheit der Partner voraus. Der Islam erkennt Christen und Juden als gleichwertige Partner an. Wir können viel über Interreligiösen Dialog reden und ihn auch praktizieren; das bringt aber nichts, wenn wir nicht selbst interreligiös sind. Wir müssen anfangen, eine wirklich interreligiöse Einstellung uns anzueignen und dem anderen ehrlich zuhören, was auch immer er zu sagen hat. Wirklich zuhören tun wir in vielen Situationen nicht, weil wir immer selbst Recht haben wollen. Das muss sich ändern, sonst klappt es nicht mit dem Interreligiösen Dialog unter den Religionen. Seit ich zuständig bin für interreligiösen Dialog im Friedensrat, höre ich immer wieder, diese Gemeinschaft macht nicht mit, weil die oder jene Gruppe dabei ist. Diese Haltung und dieses Denken muss sich ändern, denn sonst können wir hier noch 20 Jahre zusammenkommen und es reden doch immer nur die Gleichen. Also den Weg zu einer friedlichen Gesellschaft können wir nur beschreiten, wenn ich den anderen vorbehaltlos anerkenne. Bedeutungsvoller Dialog schließt die Mitteilung des eigenen Zeugnisses mit ein. Das heißt, dass der andere natürlich sein Zeugnis und seine Erfahrungen mit seiner Religion mitteilt. Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich vielleicht nicht teile. Aber ich muss ihm zuhören. Dann können wir gemeinsam einen Weg finden. Es wird ja immer ganz richtig gesagt, es gibt verschiedene Wege der Erkenntnis – es gibt auch Umwege. Aber es gibt nur einen Gott. Das ist die Voraussetzung für den Dialog. Also Dialog schließt das persönliche Zeugnis mit ein. Dialog setzt auch die Gleichheit der Partner voraus. Ich muss den Partner als gleichwertig anerkennen, und er mich ebenfalls. Wenn ich dies nicht zustande bringe, kann der Dialog nicht erfolgreich und bereichernd sein. Ich muss zuhören können und Geduld haben, nicht missionieren. Den anderen missionieren ist kein Dialog. Und ich wünsche mir auch hier in unserer UPF, dass wir nicht missionieren, sondern dass wir die Religion des anderen so annehmen, wie sie ist. Er soll dabei bleiben und für seine Religion ein guter Vertreter in der Welt sein.
Der Islam hat einen großen Vorteil: er kam als die letzte Religion und konnte all die Fehler seiner Vorgänger vermeiden. Wir können leicht sagen, dies oder das ist falsch, aber in Wahrheit ist auch bei uns vieles falsch gelaufen. Ein gewisses Maß and Selbstkritik hat noch nie geschadet, auch nicht im interreligiösen Dialog.
Ein interreligiöses Gebet zum Geleit
Ich möchte jetzt zum Geleit für die kommenden drei Tage ein Gebet vorlesen, das wir in einem interreligiösen Kreise gemeinsam erarbeitet haben:
„Wunderbarer Gott,
Du bist ein Freund des Lebens
und Du willst, dass wir in Deiner Schöpfung
das Leben in Fülle haben.
Oft genug jedoch macht sich Leere breit.
Eine Leere, in der wir
das Leben nicht mehr fühlen
und keinen Sinn mehr sehen.
Oft genug ergreifen uns Ängste,
Ratlosigkeit und Ohnmacht
angesichts der großen Not und der Gewalt
um uns und in uns.
Wandle uns in der Tiefe
unserer Herzen zu Menschen,
durch die Dein Frieden in die Welt getragen wird.
Befreie uns aus dem Nutzen
der Gewalt, der Angst und jeder Not.
Segne mit Deiner schöpferischen Phantasie
alle Menschen, die mit uns auf dem Wege sind
zu einer Welt der Versöhnten.
Lass uns nie die Suche aufgeben
nach dem Gespräch mit unseren Brüdern und Schwestern.
Denn Du bist uns ein Vater und eine Mutter.“
Ein merkwürdiges Gebet für uns Muslime, würde ich sagen, denn das ist ja kein islamisches, sondern eher ein jüdisches Gebet. Es stammt aus einem Gebetsbuch, das wir gemeinsam als Muslime, Juden und Christen hier in Deutschland ausgearbeitet haben mit diesem und ähnlichen Gebeten für besondere Anlässe. Ich nehme dieses Büchlein gern zur Hand, mindestens einmal im Monat, wenn ich hier in unserer Hauptstadt Berlin das Friedensgebet spreche. Einmal im Monat organisiert unser interreligiöser Kreis ein Friedensgebet im Freien, nicht in einer abgeschlossenen Räumlichkeit. Ich erzählte davon schon vor 14 Tagen, als wir uns in Barcelona trafen. Der Dialog darf nicht nur in engen Räumen stattfinden; er muss nach draußen gehen. Und deshalb ist unsere Friedensbewegung, die ich hier in Berlin leite, und der Juden, Christen, Moslems, Hindus, Buddhisten und noch andere Religionsgemeinschaften angehören, nicht in einem Raum tätig, sondern draußen auf öffentlichen Plätzen, damit die Welt uns sehen kann. Ich wünsche mir auch für unser Treffen, dass wir einmal gemeinsam an die Öffentlichkeit treten können, und den Menschen dort draußen auf der Straße unsere Ideen mitteilen können, wie sie sich ebenfalls „auf den Weg zu einer friedlichen Gesellschaft“ begeben können.
Aus dem Buch: „Auf dem Weg zu einer friedlichen Gesellschaft II“
Kando-Verlag 2008, 126 Seiten, Taschenbuch, ISBN 3-922947-37-9
www.kando-verlag.de




